Der Handel mit Cachaça
Noch ein Grund sorgte dafür, daß der Süden Brasiliens seine Produktion gegenüber dem Norden kontinuierlich weiterentwickeln mußte: War der nördlichere Teil Brasiliens schon seit zwei Jahrhunderten eine feste Größe und auf dem Markt für verschiedenste Waren etabliert, kämpften viele Städte des Südens noch mit teilweise unglaublichen Rahmenbedingungen.
Nicht nur, daß zu dieser Zeit immer noch Kriege um die Gebiete des Südens stattfanden, zu dieser Zeit gab es auch noch keinen direkten Landweg zum mittlerweile gut entwickelten Norden. Der Süden war daher auf das Anlegen großer Handelsschiffe angewiesen. Nur diese konnten dringend benötigte Waren aus dem Norden Brasiliens, anderen Kolonien oder aus Europa beschaffen.
Es brauchte also ein Argument, warum ein Schiff im Hafen einer bestimmten Stadt haltmachen sollte. Nichts lag näher, als die Schiffe mit großen Mengen hervorragender Spirituosen anzulocken.
Jeder Kapitän war sich der Bedeutung von guten Destillaten für die Führung des eigenen Schiffes bewußt. Kapitäne, die trotzdem meinten, ihre Mannschaft mit minderer Qualität abspeisen zu können, bezahlten dies oft durch den Verlust ihres Schiffes und des eigenen Lebens, ausgelöst durch eine Meuterei auf hoher See. Die Arbeit an Bord war hart und eine schlechte Spirituose wog schlimmer, als ein vorenthaltener Lohn.
Wie schnell der Süden dazugelernt hat, ist daran zu erkennen, daß fast alle wichtigen Handels- und Kriegsschiffe des beginnenden 19. Jahrhunderts auch im Süden vor Anker gingen. Als berühmtestes Schiff sei an dieser Stelle die US-amerikanische Fregatte „Essex“ unter Kapitän Porter genannt. Dieser machte 1813 an der Insel Santa Catarina in Florianópolis, das damals noch „Nossa Senhora do Desterro“ hieß, halt.
Diese Zeit prägte dann auch den Namen des Stadtteils, in dem sich Armazem Vieira befindet: Saco dos Limões – übersetzt: Limonenbucht. Hier wurden also Limonen als reichhaltiger Vitamin C-Spender aufgenommen, eingepökeltes Fleisch in Fässern geordert und auch der ein oder andere Schiffsmast ausgetauscht.
Die Masten der alten Segelschiffe waren seinerzeit übrigens aus einem Holz, aus dem auch die meisten Fässer von Armazem Vieira sind: Ariribá. Der Duft dieser Zeit ist also noch heute als feine Essenz wahrnehmbar.
Wohlwollend vermerkte Kapitän Porter im Logbuch die hohe Güte der an Bord genommenen Cachaça. Und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es sich auch zum Teil um die Cachaça der Familie Vieira handelte, die einige Jahre später ihr „Armazem“ (übers.: Lager, Handelsposten) aufgrund der Empfehlung Porters an andere Kapitäne einrichten konnte.

